Wie kann Gott einen wie mich mögen?

Gott hat mich erschaffen. Er kennt meine Schwächen und meine Fehler – er weiß, dass ich ein Sünder bin. Aber durch seine Gnade kann ich für meine Schuld geradestehen, weil er sie mir vergibt, weil er mich gefunden hat. Der Apostel Paulus schreibt: „Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin.“

Titus Müller

Wenn ich Gott wäre, dann wäre ich wütend. Auf die Prahlhänse. Die Selbstdarsteller. Die Geizkragen, die ein bisschen Geld wegspenden und dann egoistisch an ihrem eigenen Glück weiterstricken. Auf Leute mit Tunnelblick, denen das schreckliche Unglück anderer an der Hutschnur vorbeigeht. Auf Lügner, die blitzschnell mit ALT-Tab vom Computerspiel zur Textverarbeitung wechseln, sobald ihre Frau das Zimmer betritt. Leute wie Titus Müller würden mich an die Decke bringen.

Aber Gott ist anders. Gott hasst die Sünde und liebt den Sünder, heißt es. Geht das überhaupt? Wenn mich aufregt, was jemand tut, dann regt mich gleich der ganze Mensch auf. Ich kann die Frau nicht leiden, die aus dem Zug aussteigt und gemütlich stehen bleibt, um sich nach der Treppe umzusehen, und wir anderen kommen nicht raus aus dem Waggon, weil sie nur an sich denkt. Ich bin sauer auf den Nachbarn, weil er mit abschätzigem Lächeln über Christen herzieht, obwohl er genau weiß, dass ich einer bin.


Jesus der „good cop“, Gott der „bad cop“?

Früher habe ich in Gott den zornigen Vater gesehen, und Jesus hat ihn in meiner Vorstellung immer wieder besänftigt. Ich habe mir vorgestellt, dass Jesus zum Vater geht und sagt: „Ich weiß, Titus ist ein schwerer Fall. Und du bist zu Recht wütend auf ihn. Aber schau, ich habe für seine Schuld bezahlt. Bitte tu ihm nichts. Sei gnädig.“ Gott kam mir kalt und hart vor. Ich habe mich hingekniet und um Vergebung gefleht – am besten zwanzig Mal, jede Wiederholung schabte ein wenig mehr von Gottes Zornpanzer ab – und habe gehofft, dass Jesus den wütenden Gottvater besänftigt.

Aber damit habe ich aus der Dreieinigkeit ein irdisches Team gemacht. Ich habe ihnen Rollen zugeteilt: good cop, bad cop. Gott sagte: „Du verdienst die Todesstrafe, Freundchen!“ Kaum war er aus dem Verhörraum, kam Jesus rein und sagte: „Hör mal, ich werde beim Richter ein gutes Wort für dich einlegen. Er meint das nicht so. Eigentlich kann er dich gut leiden.“ Ich war Kind Gottes, aber meine Familie war schräg drauf. Der Vater dauerböse, weil ich schwer erziehbar war, und Jesus als Vermittler ständig im Besänftigungsmodus: „Sei nicht zu hart mit ihm, Gott, bitte.“

Die Dreieinigkeit funktioniert anders

Ich lerne mühsam, dieses Bild zu korrigieren. Vater und Sohn und Heiliger Geist sind seit der Ewigkeit zusammen. Wie die Dreieinigkeit funktioniert, kapiere ich nicht, aber wenn Jesus sagt: „Ich und der Vater sind eins“, dann gehe ich davon aus, dass sie nicht ständig streiten. Alle drei wollen mich retten. Alle drei sind voller Liebe für die kaputte Welt.

Interessanterweise wiederholt Jesus seine Aussage, um klarzumachen, dass nicht nur er uns liebevoll in seiner Hand hält, sondern auch Gott der Vater: „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen ewiges Leben, und sie gehen nicht verloren in Ewigkeit, und niemand wird sie aus meiner Hand rauben. Mein Vater, der sie mir gegeben hat, ist größer als alle, und niemand kann sie aus der Hand meines Vaters rauben. Ich und der Vater sind eins“ (Johannes 10,27–30, Elberfelder Übersetzung). Bin ich von zwei Händen gehalten, von der Hand von Jesus und der vom Vater? Oder ist es dieselbe Hand, die mich hält? Fest steht: Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist achten mich. Das Herz Gottes ist voller Güte.

Die Welt ist ein Krankenhaus

Nicht wütend ist Jesus ans Kreuz gegangen, sondern mit Liebesschmerzen. Die Welt ist ein Krankenhaus. Röchelnde Patienten überall. Und Gott liebt uns. Er sucht sich nicht die leichten Fälle aus, weil er es mit deren Husten noch gerade so aushält. Gerade die schweren Fälle sucht er, gerade denen ist er nah, die von Schuld zerfressen sind.

Das ist eine gute Nachricht. Gott liebt mich als Sünder! Er liebt mich nicht nur dann, wenn ich frisch geduscht bin und beim Friseur war und salonfähig bin für eine Audienz beim König der Könige. Nicht nur dann, wenn ich einen guten Tag habe und liebevoll mit allen umgehe. Gottes Herz brennt für diese kaputte Welt. Unter anderem für den kaputten Menschen Titus.

Jesus wandert mit mir durch die zerbrochene Welt

Mit wem saß Jesus bei den Mahlzeiten am Tisch? Mit den Geschäftemachern und Geldschneidern. Die Pharisäer warfen ihm vor, er sei „ein Freund der Zöllner und Sünder“. Jesus hat sich mit Nutten, Versagern und Betrügern abgegeben, weil er sie liebt. Er liebt sie, wie sie sind, nicht erst nach einer Generalüberholung. Und genauso liebt er kein Idealbild von Titus, sondern mich. Er wandert mit mir durch diese zerbrochene Welt.

Wie kann Gott mich mögen?

Gott hätte allen Grund, auf mich zornig zu sein. Obwohl ich seit über zwanzig Jahren getauft und überzeugter Christ bin, konnte ich bis heute die Sünde nicht einfach abstreifen. Ihre Wurzeln reichen bis tief in meine Persönlichkeit. Ich bin ein Lügner und ein Egoist. Wie kann Gott einen wie mich mögen?

Er hat offenbar eine Vorliebe für die Zweifler, die Sünder, die Außenseiter, die Verletzten. Um sie sorgt er sich, für sie verlässt er seine Herde von neunundneunzig Schafen. Er will das eine verlorene retten. Ich bin das verlorene Schaf. Ich bin einer, der in die Irre geht und von Gott gesucht und gefunden wird.

Gott hat mich gefunden

Und es ist großartig, von ihm gefunden zu werden! Das ist vielleicht das Wichtigste, was ich über meine Identität sagen kann: Gott hat mich gefunden. Dieser Jubelschrei verändert mein Leben. Martin Luther schrieb: „Der Heilige Geist macht den Menschen keck, fröhlich, mutig und lustig, ja beflügelt ihn zu einer heiteren Dreistigkeit, nahezu im Schwung des Übermutes das Leben anzupacken und zu gewinnen.“ Gott ist geduldig und liebevoll. Wenn er meint, dass sich sein Einsatz für mich lohnt, wer bin ich, ihm zu widersprechen?

Titus Müller

Der Autor studierte Geschichte und Literatur und schreibt seitdem historische Romane.
Zuletzt erschien Nachtauge, ein Tatsachenroman und Spionagethriller.

(Quelle: idealisten.net 2/2013, S. 9f.
Mit freundlicher Genehmigung der Evangelischen Nachrichtenagentur idea.
Mehr unter idea und idealisten)

Back to Top

Magazin auswählen

Magazin 143 Magazin 143
Magazin 142 Magazin 142
Magazin 141 Magazin 141
Magazin 140 Magazin 140
Magazin 139 Magazin 139
Magazin 138 Magazin 138
Magazin 137 Magazin 137
Magazin 136 Magazin 136
Magazin 135 Magazin 135
Magazin 134 Magazin 134